„Unabhängig“ steht auf sehr vielen Visitenkarten. Der Begriff ist nicht geschützt in dem Sinne, dass er überall dasselbe bedeutet — und genau deshalb lohnt es sich, ihn auseinanderzunehmen, statt ihn als Qualitätssiegel zu behandeln.
Unabhängigkeit ist kein Zustand, den man hat oder nicht hat. Sie ist eine Frage von Ebenen: Wovon genau ist jemand unabhängig — und wovon nicht? Ein Berater kann von einer Bank unabhängig sein und trotzdem an Produktprovisionen hängen. Er kann provisionsfrei arbeiten und trotzdem nur einen begrenzten Ausschnitt des Marktes kennen. Erst wenn man diese Ebenen trennt, wird der Begriff überprüfbar.
Die drei Ebenen der Unabhängigkeit
Die dritte Ebene ist die wichtigste, weil sie den Alltag bestimmt. Sie entscheidet darüber, ob ein Berater sagen kann: „In Ihrem Fall ist das Beste, nichts zu tun.“ Wer von Abschlüssen lebt, kann diesen Satz kaum aussprechen — nicht aus Unehrlichkeit, sondern weil sein wirtschaftliches Überleben daran hängt.
Was Unabhängigkeit im Alltag verändert
Der Unterschied zeigt sich weniger in großen Entscheidungen als in vielen kleinen. Drei Beispiele aus der Praxis.
Beim Bestand. Ein produktabhängiger Berater hat wenig Anlass, eine bestehende Anlage zu loben, an der er nichts verdient. Ein unabhängiger kann feststellen, dass etwas gut ist und bleiben sollte — und das Gespräch ist damit beendet, ohne dass jemand etwas verkauft hat.
Bei der Reihenfolge. Wenn zuerst das Gesamtbild geklärt wird und erst danach die Produktfrage kommt, entsteht ein Beratungsergebnis, das mit ganz unterschiedlichen konkreten Lösungen umsetzbar ist. Wenn dagegen ein Produkt am Anfang steht, wird die Begründung nachträglich gesucht.
Beim Nichtstun. Manche Vermögen brauchen keine neue Anlage, sondern Ordnung im Bestehenden. Das ist ein legitimes Ergebnis einer Beratung — aber nur dann, wenn es sich auch wirtschaftlich tragen lässt.
Wo meine Unabhängigkeit Grenzen hat
Jetzt der Teil, der in solchen Texten meistens fehlt. Vollständige Unabhängigkeit gibt es nicht, und wer sie behauptet, hat entweder nicht nachgedacht oder verschweigt etwas. Auch meine Arbeit hat klar benennbare Grenzen — und ich halte es für richtig, sie offenzulegen.
Ich bin als vertraglich gebundener Vermittler gemäß § 3 Abs. 2 WpIG ausschließlich für Rechnung und unter der Haftung der VALEXX Value Experts Vermögensverwaltungs AG tätig. Im Bereich der Wertpapier-Vermögensverwaltung arbeite ich aufgrund einer Ausschließlichkeitserklärung mit einem einzigen, mehrfach international ausgezeichneten Verwalter zusammen. Für andere Bereiche — etwa reale Werte — bestehen weitere Kooperationspartner. Diese Struktur ist Teil der Antwort auf die Frage, wovon ich unabhängig bin und wovon nicht.
Was heißt das praktisch? Es heißt, dass ich in der Wertpapier-Vermögensverwaltung nicht jeden Anbieter am Markt vermittle. Die Unabhängigkeit liegt an anderer Stelle: Ich bin nicht Angestellter einer Bank, ich verfolge keine Vertriebsvorgaben, und ich habe kein Interesse daran, dass ein bestimmtes einzelnes Produkt gewählt wird. Was ich anbiete, ist die Koordination des Gesamtvermögens — und die Auswahl des Partners, mit dem ich arbeite, habe ich selbst und nach eigenen Kriterien getroffen.
Wer maximale Anbietervielfalt sucht, ist damit möglicherweise nicht bei mir richtig. Wer eine durchdachte Gesamtstruktur und einen Ansprechpartner sucht, der die Teile zusammenhält, findet in dieser Konstellation den passenden Rahmen. Beides ist legitim — man sollte nur wissen, welches man bekommt.
Woran Sie Unabhängigkeit prüfen können
Statt Behauptungen zu glauben, lässt sich Unabhängigkeit an konkreten Fragen überprüfen. Sie sind unangenehm zu stellen und genau deshalb wirksam.
- —Wie werden Sie vergütet — und wovon genau hängt Ihr Einkommen ab?
- —Von welchen Anbietern vermitteln Sie, und warum gerade von diesen?
- —Gibt es Vorgaben, welche Produkte Sie bevorzugt anbieten sollen?
- —Was spricht gegen Ihren eigenen Vorschlag?
- —Was würden Sie mir raten, wenn ich gar nichts abschließe?
Die Antworten müssen nicht makellos ausfallen. Kein Modell ist frei von Interessen — auch die Honorarberatung nicht, die andere Anreize setzt, aber ebenfalls welche hat. Entscheidend ist, ob jemand seine Interessenlage offen beschreiben kann oder ob er ausweicht. Wer die eigenen Grenzen benennt, hat sie zumindest bedacht.
Unabhängigkeit ist ein Mittel, kein Zweck
Zum Schluss die Einordnung. Unabhängigkeit ist für sich genommen kein Wert. Ein unabhängiger Berater, der schlecht arbeitet, nützt niemandem mehr als ein gebundener, der gut arbeitet. Fachliche Qualität, Erfahrung und Sorgfalt bleiben die Grundlage.
Was Unabhängigkeit leistet, ist etwas anderes: Sie sorgt dafür, dass Interesse und Aufgabe in dieselbe Richtung zeigen. Sie ermöglicht, dass die Frage „Was ist hier richtig?“ ohne Nebenbedingungen beantwortet werden kann. Das ist keine Garantie für gute Beratung — aber es ist die Voraussetzung dafür.
Und es ist der Grund, warum dieser Begriff eine ehrliche Erklärung verdient statt eines Werbeversprechens. Wer wissen will, worauf er sich einlässt, sollte fragen dürfen — und eine Antwort bekommen, die auch die unbequemen Teile enthält.
Dieser Beitrag beschreibt die Beratungsstruktur und -haltung und stellt keine Anlageberatung im Einzelfall dar. Die konkrete Ausgestaltung hängt immer von Ihrer individuellen Situation ab.